Besuch der Klasse 5d der Berliner Grundschule Beerwinkel.

 

Ulla ist eine engagierte Lehrerin an der Grundschule Beerwinkel und Mitlied von OeLaLa e.V.  Sie führt ökologische Projekte an ihrer Schule durch. Sie nahm die OeLaLa-Satzung ernst und organsierte mit dem Klassenlehrer Bernd für ihre Klasse einen zweitägigen Projektuntericht auf dem Sensthof.

Hier der Bericht der Lehrerin an den Newsletter des "Fördergemeinschaft ökologischer Landbau in Berlin/Brandenburg e.V.(FÖL)"

Hier der Tagebucheintrag des Gastgebers und Vereinsvorsitzenden Dieter Wankmüller.

Donnerstag, 12. Juni 2008, 17 Grad am Morgen; 25 Grad am Mittag; Sonne bis 9:00 dann dicke Wolken; Westwind

8:45: Komme vom Rundgang zurück: Zwei Frauen stehen vor der Tür und wollen mich sprechen. Sie sind vom Verkehrsamt und müssen den Kauf der 20 ha überprüfen. Ein Einspruch des Bauerverbandes liegt vor. Der Holländer, die Ilki GmbH Reetz, beansprucht ein Vorkaufsrecht. Die beiden Frauen meinen, der Holländer wäre der Pächter des Landes und hätte damit ein Vorkaufsrecht. Ich kläre die Verhältnisse, gebe beiden die OeLaLa-Satzung und den Projekt-Flyer. Zeige die Gemeinnützigkeit. Den künftigen Pächter Johannes Alt kennen die beiden.
9:15: Zufrieden verabschieden sie sich und wünschen mir zu meinen Projekten alles Gute.

Ich stelle die drei Biertischgarnituren hufeisenförmig in der Mitte des Hofes auf. Davor die Akazientischplatte mit den fünf Teakklappstühlen und roten Sitzkissen für das Lehrerteam. Macht alles einen kommunikativen und guten Eindruck.

Kurz danach kommt Ulla mit ihrem vollgepackten Auto. Wir trinken einen Kaffee. Sie packt das Auto aus.
Ich räume die Zimmer etwas klar und bringe den Anhänger vor das Tor.

10:00: Wir fahren beide zum Bahnhof.
Punktgenau kommen wir an. Die Klasse steigt aus dem Zug. Fröhliche 12-jährige Jungen und Mädchen strahlen mich an. Viele Kinder – ich schätze mehr als die Hälfte - sind nichtdeutscher Abstammung. Lehrer Bernd ist ein sympathischer 50-Jähriger. Zwei englische Praktikantinnen, beide mit Namen Rachel, sind dabei und Alena, die Tochter von Ulla, Studentin der Soziologie und sehr interessiert an ökologischen Projekten. Das Gepäck kommt in den Anhänger und die Klasse macht sich zu Fuß auf den 5 km-langen Weg.

Ulla und ich haben nun 1,5 Stunden Zeit. Wir fahren mit dem Auto kurz Einkaufen bei Netto in Wiesenburg. Besorgen im Sparladen Reetz die Getränke. Auf Bestellung (30 Minuten vor Lieferung) könnte man dort die Frühstücksbrötchen bekommen. Das ist beruhigend, falls das Brotbacken im Backhaus mißlingt.
Bis die Klasse nach tatsächlichen zwei Stunden Fußmarsch eintrifft, mache ich Aufräumarbeiten im Haus.

Die Kinder sind trotzdem gut drauf. Sie entscheiden sich für ihre Nachtquartiere.
Es gibt eine Einweisungseinheit an den Tischen. Ich stelle mich vor und sage, was sie nicht tun sollten: Das Wohnhaus ist tabu, nur auf Rasenflächen gehen, darauf achten, worauf sie treten.
Aber auch, was sie dürfen und tun sollten: Neugierig sein auf alles. Alle Gebäude dürfen sie erkunden.
Ich frage nach den gewünschten Pizzen: 9 wollen Pizza ohne Zwiebel, zwei ohne Käse.

Danach folgt das Verzehren der mitgebrachten Kuchen und Brote und ein heftiges Austoben und Versteck spielen.
Um 13:00 dann beginnt die erste Unterrichtseinheit: Erkunden der Biodiversität auf dem 20ha-Ackerland. Nach einer Einweisung zieht die Klasse auf das Feld.

 

Ich bin in der Küche und bereite das Pizzaessen vor: Hefeteig und Pizzabelag.
Um 15:00 kommt die Klasse ausgedürstet zurück. Die Wassertränke wird gut genutzt.
Kuchen essen ist angesagt. Alle Kuchen sind sehr zuckerhaltig. Mich wundert es nicht, daß ca. 20% der Kinder übergewichtig sind.

15:45: Die nächste Unterrichtseinheit beginnt: Bau einer Benjeshecke. Ulla verteilt Gartenhandschuhe. Dann geht es zur Plattform unterhalb des Kuhstalles. Die dort lagernden Arbeitsmaterialien, Reisighaufen, Steinehaufen, werden vorgestellt. Die Benjeshecke wird erklärt und der Ort (unterhalb der Biomüllhalde), wo sie hin soll. Es wird der Bau eines Solitärbienenhotels mit den alten perforierten Ziegelsteinen geübt. Anschließend drei Gruppen gebildet:

• Benjesheckebauer

• Solitärbienenhotelbauer

• Umpflanzer eines Holunderstrauches in die Benjeshecke.

Mit großem Elan geht es ans Werk. Das Brechen des Reisiggeästes ist eine besondere Herausforderung an Kraft. Sie können sich richtig austoben.
 

Um 17:30 ist das Projekt zu Ende. Ich lasse das Backofenfeuer anzünden.

Es folgt die Phase des Einrichtens der Schlafplätze und des Zeltaufbaues. Ulla rührt in der Zwischenzeit eine große Wanne Teig zum Brotebacken an. Und läßt den Teig von den Kindern in Blumentöpfe füllen. Es soll das Frühstücksbrot des folgenden Tages werden. Ein Topf für zwei Personen.

Ich bereite mit Alena und der blonden Rachel 13 Pizzen vor. Drei Sorten: Pizza Elsaß, Pizza Aurora ohne Zwiebel, Pizza Reetz mit Zwiebel.

Inzwischen scheint das Wetter in Regen umzuschlagen. Tische, Bänke und Stühle passen gerade in die Galerie.

19:00: Die ersten sechs Pizzen werden eingeschoben. Habe die Hitze des Ofens falsch eingeschätzt und nach 5 Minuten sind sie schon fertig. Komme eine Minute zu spät: 3 Pizzen verbrannt.
Die nächste Runde gelingt besser. Die Kinder fragen nicht mehr, ob mit oder ohne Zwiebel. Es schmeckt ihnen einfach. Ein Mädchen verweigert. Sie stopft sich ihren ungesunden Kuchen hinein.
 

20:00: Das Lagerfeuer wird in der Mitte des Hofes vorbereitet und 20:25 entzündet. Ich beschwöre den Feuergeist, er möge die Flammen lodern lassen. Und das Feuer kommt tatsächlich wunderbar in Gang. Jeder legt die Scheite nach. Meine beiden Wannen voller Resteholz werden endlich verwertet.
20:30: Weitere 7 Pizzen werden vorbereitet, gebacken und gegessen. Die letzten zwei sind für das Lehrerteam. Ulla hat drei Flaschen Rotwein für diesen Zweck bereit gestellt.
Um 21:00 werden die Topfbrote in den Ofen geschoben. Nach 30 Minuten sind sie fertig gebacken. Sie sehen bilderbuchmäßig aus. Leider fehlt ein Werkzeug, um sie herauszuholen. Ulla setzt ihr Kopfhaar aufs Spiel und holt sie aus dem Feuer.

21:30: Ich beginne mit dem Spiel Abenteuerreise, das ich vorher mit dem Lehrerteam besprochen habe.
Aus meinem Arsenal an beschädigten Funden auf dem Hofgelände nehme einige heraus und lasse sie erraten, was für Werkzeuge das einmal waren.

• Einen Sensenbaum

• Ein Sieb

• Eine Wagen-Waage für die Zugpferde

• Eine Sichel

Wer es erraten hat, darf als erster einen Abenteuerort auf dem Hof besuchen.

Das erste Abenteuer führt zum Silagerohr (3,5 m tief). Thomas ist mutig und traut sich, abgeseilt zu werden. Er muß vorher Schuhe und Strümpfe ausziehen, denn dort unten ist wadentiefes Wasser. Ich frage: Sollen wir ihn wieder heraufziehen? Die Klasse: Unten lassen! Nachdem Thomas verspricht, immer ein guter Schüler zu sein, wird er von seinem Schicksal erlöst. Er muß allerdings eine Gießkanne mit geschöpftem Wasser mit hoch bringen. Das war nicht einfach.

Das zweite Abenteuer führt zur großen Güllegrube (4m tief). Sie ist ohne Gülle. Erst muß die Leiter den Einstieg hinuntergelassen werden. Die beiden Gewinner trauen sich nicht, hinab zu steigen. Auch ein mutigeres Mädchen steigt nicht ganz hinunter, um zu berichten, was zu sehen ist. Es bleibt ein Geheimnis.

Das dritte Abenteuer führt über eine Stiege auf den leeren Heuboden des großen Kuhstalles. Es ist finster und beinahe alle haben Taschenlampen mit. Ein großer, dunkler Raum öffnet sich den Taschenlampen und der Raum erlebt zwanzig rennende "Glühwürmchen".

Der dritte Ort führt zum Heuboden des Pferdestalles. Eine wackelige Stiege führt hinauf. Große Heuhaufen verteilen sich im Raum. Sie werden von den Kindern bestiegen. Das Licht der Taschenlampen zeigt an, daß sie es geschafft haben.

Nun ist es schon 22:30. Der letzte Ort ist der Rübenkeller. Ich erzähle, daß Dracula dort ein Grab hat. Nur Sarah darf es sehen. Die anderen warten rings um das Lagerfeuer. Sarah muß dort erzählen, was sie gesehen hat. In der Dunkelheit des unzugänglichen Kellerraumes traf der Strahl ihrer Taschenlampe auf ein mumifiziertes Katzengerippe. Graf Dracula hat eine neue Variante der Verwandlung benutzt.

Für die Kinder ist jetzt Bettprogramm angesagt. Das Lehrerteam sitzt noch etwas am Lagerfeuer bei einem Glas Rotwein und singt noch ein Gute-Nacht-Lied. Ab und zu huscht noch ein Schlafanzug durch den Innenhof. Dann wird es still und auch wir suchen den Ort unserer Ruhe im Wohnhaus auf.
Aufräumen in der Küche. Um 1:00 ins Bett.

 

Freitag, 13. Juni 2008, 14 Grad am Morgen; 14 Grad am Mittag; Regen von Mitternacht bis Mittag.

7:30: Das Zeltabenteuer hat etwas feucht geendet. Schade!
Ich gehe durch den Hof, um die Lage zu betrachten.
Die Kinder nehmen es gelassen. Barfuß stapfen sie durch den Regen. Die nassen Schuhe stellen sie zum Trocknen in das noch warme Backhausgewölbe. Eine Schar Jungs sitzt auf dem Boden des Pferdestalls und spielt Karten.
Dem Lehrerteam spendiere ich zur Aufmunterung eine Runde starken Kaffee.

Vor dem Frühstück ist Einpacken angesagt. Es ist schwierig, die nassen Zelte in den Zeltsäcken unterzubringen. Der Klassenlehrer Bernd erweist sich dabei als unermüdlicher, geduldiger und väterlicher Helfer. Ich wünsche mich nicht in seine Rolle. Ich wäre mehrere Dutzend Mal ausgerastet.

Frühstück in der Galerie: Selbstgebackenes Topfbrot mit Bio-Margarine und Bio-Nutella. Sie scheinen ganz zufrieden nach dem erfüllten gestrigen Tag.

Die Lehrer entscheiden, den zwei Stunden früheren Zug um 10:50 nach Berlin zu nehmen.

Ab 9:30 pendeln wir 3 Mal mit zwei Autos zum Bahnhof Wiesenburg. Dann sind alle transportiert. Unterwegs sagen mir die Kinder, wie schön es gewesen ist und daß sie wiederkommen wollen.
Vor dem Bahnhof schieße ich ein Klassenfoto. Zu Hause lese ich die Bilder in meinen PC. 20 Kinder strahlen mich mit glücklichen Augen an. Jetzt weiß ich es genau, daß die Mühe sich gelohnt hat.

Während die Klasse auf den Zug wartet, heißt es für Ulla Einpacken des Gepäcks. Welch eine Überraschung: Es ist mehr Gepäck zu verladen als auf der Herfahrt. Einige Schüler habe sich wohl etwas erleichtert. Ulla verabschiedet sich mit einem proppenvollen Auto. Nur noch die Frontscheibe ist frei. Ich gebe ihr eine frisch gebrannte CD mit Bildern in die Hand. Gute Heimreise Ulla!
Ich mache einen Rundgang durch das Hofgelände. Etwas übertrieben ausgedrückt:    "It could be worse", sagt der Engländer in solch einem Fall.
 

Resume`:

Es war eine sehr schöne Erfahrung für mich, diese Kinder zu erleben und ihnen etwas zu geben, was sie in ihrem normalen Leben nicht erfahren können. Es gab keinen Zwischenfall. Alle meine Bedenken sind glücklicherweise nicht eingetroffen.
Die Kinder zeigten großes Interesse an den Dingen hier, waren einsichtig, wenn es um meine Interessen ging und haben mich als Person sehr respektiert. Natürlich kommen die Stadtkinder nicht als Umweltschützer an, die ihren Müll immer brav in die Mülltonne werfen und die die Natur erleben wollen, indem sie sich mit ihr identifizieren und sie verstehen wollen. Aber ich habe sie als interessiert erlebt an Denkweisen, die ihnen nicht so vertraut sind. Ein Vegetarier und vegetarische Kost waren für sie kein Problem.
Bewundernswert finde ich die Lehrer, die diesen wuselnden Haufen von übermotorischen Kindern immer neu motivieren und zur Konzentration auf eine Aufgabe bringen konnten. Ihre Toleranz gegenüber nicht immer vorgesehenen individuellen Lösungswegen der Kinder war bewundernswert.
Insgesamt bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung.

Kritik und Änderungsvorschläge:

So weit ich das wahrgenommen habe, halte ich die mitgebrachte Nahrung der Eltern für ihre Kinder für nicht sehr gesund. Zu viel süße Nahrung in Form von Kuchen und Süßigkeiten. Daher auch Übergewicht bei nicht wenigen Kindern. Ich meine, es sollte ein pädagogisches Ziel bei solchen ökologischen Projekten sein, alle gewohnte Kost zu Hause zu lassen. Die Kinder sollten die Erfahrung machen, in einer ökologischen Umwelt eine gesunde Nahrung und Ernährungsweise (diese wäre zu besprechen) zu erleben. Auch zu erleben, daß man es leicht aushält, zwischen den regulären Mahlzeiten nichts zu essen und zu trinken.
 

Ökonomische Vorteile hatte der Besuch für mich nicht:

Eine Woche Vor-/Nachbereitungsarbeit stand gegenüber einer Reihe von zurückgelassenen Naturalien: 1 kg Hefeteig und nicht verbrauchten Pizza-Belag, drei halb volle Getränkekisten und eine Spende von 50 € für den "Verein zur Förderung der ökologischen Landbaus und der Landschaftspflege in Reetz e.V.", dessen Vorsitzender ich bin.
Ein weiterer Vorteil für mich ergab sich darin, daß der Pferdestall schneller entmistet worden ist, als mein Plan das vorsah. Auch die Erfahrung, eine solche Gruppe versorgen zu können, ist mir nicht unwichtig.
Bei einer Wiederholung einer solchen pädagogischen Lehrveranstaltung wäre der Aufwand erheblich geringer. Ich müßte aber bei gleichem Programm ca. 3 Tage Engagement rechnen.